Ein Sonntag, der Brasiliens Demokratie auf die Probe gestellt hat
Bild: KI-generiert
Brasilien haarscharf am Kipppunkt – und dann dreht Lula die Stichwahl
Ein Sonntag, der Brasiliens Demokratie auf die Probe gestellt hat
Manche Wahlnächte kann man mit einem Auge verfolgen. Und bei manchen hält ein Land den Atem an. Brasiliens Stichwahl zwischen Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva und Flávio Bolsonaro war eindeutig die zweite Sorte – mit einem Ende, das mich persönlich erleichtert zurücklehnen lässt, aber nicht beruhigt.
Das Comeback, das es seit 1989 nicht mehr gab
Die Ausgangslage war düster: Bolsonaro, der 45-jährige Sohn des rechtsextremen Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro, hatte die erste Runde Anfang Oktober überraschend gewonnen – 47 Prozent gegen Lulas 45. Und in Brasilien gilt seit Jahrzehnten: Wer Runde eins gewinnt, gewinnt die Wahl. Auch die letzten Umfragen vor der Stichwahl sahen Bolsonaro vorn.
Dann kam der Wahlabend: Lula holte 51,8 Prozent, Bolsonaro kam auf 48,2 – rund 4,4 Millionen Stimmen Unterschied. Ein Kandidat, der die erste Runde verloren hat, dreht die Stichwahl seit der ersten direkten Wahl nach der Militärdiktatur 1989 nicht mehr geschafft. Lula, der kommende Woche 81 wird, hat es getan. Eine vierte Amtszeit, ein echtes Comeback, das keiner mehr für möglich hielt.
Warum das mehr ist als ein linker Wahlsieg
Bei allem Respekt für Lulas Aufholjagd – der eigentliche Grund, warum dieser Ausgang zählt, liegt woanders. Ein Sieg Bolsonaros hätte bedeutet: die Begnadigung seines Vaters, der wegen eines geplanten Staatsstreichs zu 27 Jahren Haft verurteilt ist und im Hausarrest sitzt. Ein verurteilter Putschist wäre frei gewesen – und sein Sohn hätte im größten Land Lateinamerikas regiert. Das ist kein normales Regierungsprogramm, das wäre ein Freibrief gewesen für alle, die Demokratie als lästiges Detail betrachten.
Hinzu kommt, was international auf dem Spiel stand: In Chile, Peru und Kolumbien haben sich zuletzt Trump-Verbündete durchgesetzt. Brasilien wäre der nächste und größte Baustein dieser rechten Momentum-Kette gewesen. Mit Lula bleibt Brasilien neben Mexiko die letzte große linke Bastion der Region – mit Abstand zu Washington, mit eigener BRICS-Position, mit Klimaschutz, der im Amazonas-Regenwald nicht zur Verhandlungssache wird.
Der Haken an der Freude
Jetzt kommt der Teil, den ich niemandem ersparen möchte: 48,2 Prozent für Bolsonaro sind kein linkes Mandat, sondern ein knapp entgangener Kipppunkt. Fast die Hälfte der brasilianischen Wähler hat bewusst einen Kandidaten gewählt, der sich als Erbe seines vorigen Vaters positioniert und eine Begnadigung desselben angekündigt hatte. Brasilien ist nicht links geworden – es ist nur haarscharf nicht rechts gekippt.
Und der Wahlabend hat es gezeigt: Bolsonaro will das Ergebnis anfechten, er spricht von einem „schmutzigen Trick". Der Grund? Die Wahllokalsöffnung war um zwei Stunden verlängert worden – wofür er sich selbst ausgesprochen hatte. Der Markt reagierte panisch: Der Aktienindex in São Paulo brach um fast 17 Prozent ein, die Börse musste den Handel unterbrechen, der Real gab zehnProzent gegenüber dem Dollar nach. Das ist kein normaler Nachmittag, das ist die Kombination aus einer überraschten Investorenszene und einer politischen Lage, die vorinstabil wirkt.
Die nächsten Monate dürften in Brasilien rau werden: eine Opposition, die das Ergebnis nicht anerkennt, einen Markt, der die „Lula ruiniert die Wirtschaft"-Erzählung füttern wird, und ein Präsident, der irgendwie die Hälfte des Landes überzeugen muss, die ihn nicht wollte. Lulas Wähler haben die Demokratie gesichert – nun muss er den Frieden stiften.
Yakari hätte gesagt: „Manchmal führt der Fluss einen an Stellen, die man lieber gemieden hätte." Brasilien ist gerade an so einer Stelle – aber es ist noch im Fluss.
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