Gen Z regelt das – wenn die Jugend laut wird


Die Union warnt vor „marodierenden Banden", bevor überhaupt jemand auf der Straße war. Was ich davon halte – und wo ich der Gen Z trotzdem widerspreche – steht hier.


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Gen Z regelt das – wenn die Jugend laut wird

Heute gehen sie auf die Straße: In 23 Städten ruft die Initiative „Gen Z regelt“ zu bundesweiten Jugendprotesten auf – von Berlin über Wuppertal bis München. Über 100.000 Menschen werden erwartet. Die Forderungen klingen nachvollziehbar: mehr Geld für Bildung und Gesundheit, bezahlbares Leben, mehr Klimaschutz – und klarer Widerstand gegen die neue Wehrpflicht. Vorbild sind die Proteste in Frankreich, wo sich seit September Hunderttausende Schülerinnen, Studierende, Eltern und Gewerkschaften erheben.

Dass die Wut berechtigt ist, bestreitet ja kaum jemand ernsthaft. Franziska Brantner (Grüne) formuliert es scharf: Das „Aufstiegsversprechen durch Bildung“ sei gebrochen. Felix Banaszak bringt es auf den Punkt: Der Generationenvertrag gehe für junge Menschen vielerorts nicht mehr auf – Geld sei für alles da, nur nicht für das, was sie betrifft. Wer sich als junger Mensch Wohnung, Wocheneinkauf und Stromrechnung nicht mehr leisten kann und dann auch noch zur Wehrpflicht antanzen soll, der muss sich von der Politik nicht mehr Ernst genommen fühlen – das ist die Botschaft dahinter.

Und trotzdem lohnt der kritische Blick. In Frankreich wurden friedliche Großdemos von gewaltbereiten Gruppen gekapert – Hunderte Verletzte, abgebrannte Schulen, über 1.000 verletzte Polizisten allein bei den Schülerprotesten in Frankreich und Italien. Der deutsche Verfassungsschutz warnt deshalb vor einer Unterwanderung durch linksextremistische Kreise, die DPolG fordert hartes Durchgreifen bei Gewalt. Man muss den jungen Demonstranten zugutehalten: Das Bundesinnenministerium betont, dass bislang keine konkreten Gewaltaufrufe vorliegen und die Mobilisierung friedlich bleibt. Aber: Unklare Organisatoren, Mobilisierung über Social Media, Protesttag an Halloween – das ist ein Gemisch, das auch politische Brandstifter aller Couleur anzieht.

Genau hier liegt mein Hauptkritikpunkt an der Debatte – und der richtet sich an beide Seiten. Die Union (Throm, Poseck) kriminalisiert die Proteste, bevor sie überhaupt stattgefunden haben – „marodierende Banden“, Instrumentalisierungswarnungen im Konjunktiv. Das erinnert an den Vorwurf der Linken-Abgeordneten Bünger: Wenn Rechte demonstrieren, müssten deren Sorgen ernst genommen werden, wenn Jugendliche für soziale Gerechtigkeit gehen, seien sie plötzlich ein Sicherheitsrisiko. Umgekehrt sollte sich die Gen Z aber auch nichts vormachen: Wer demokratisch legitimiert Regierungen zu Sparkurs und Wehrpflicht anruft, muss aushalten, dass nicht jede Forderung sofort Wirklichkeit wird. Protest ist ein Angebot an die Politik, kein Ultimatum an die Demokratie.

Schön zu sehen: Die Bundesschülerkonferenz unterstützt die Proteste ausdrücklich – solange sie friedlich bleiben – und die GEW mahnt, dass pauschale Gewaltwarnungen von den berechtigten Anliegen ablenken. Das ist die vernünftige Mitte dieser Debatte: Anliegen ernst nehmen, Gewalt klar ablehnen, Instrumentalisierung benennen, ohne alle über einen Kamm zu scheren.

Und hier kommt für mich als Gen-Xerin eine gewisse Ironie ins Spiel: Meine Generation galt Jahrzehnte als die ewig Gelangweilten – „Generation X“, die Slacker, zu desinteressiert für Politik, zu sehr mit Grunge, Atari-Flashbacks und der Frage beschäftigt, ob MTV noch Musik spielt. Klar, wir hatten ein paar Highlights: Friedensdemos in den 80ern, die Anti-Atomkraft-Bewegung, ein paar besetzte Häuser. Aber als generationelles Aufbegehren? Fehlanzeige. Unser Credo war eher: „Ist ja egal, ändert sowieso nichts.“ Die Gen Z dagegen macht genau das, was wir uns nie zugetraut haben: Sie organisiert sich, formuliert Forderungen und traut sich, dem Establishment ins Gesicht zu sagen. Und ehrlich? Ich finde das erfrischend. Vielleicht war unsere Gleichgültigkeit ja auch nur die luxuriöse Variante – wir hatten noch ein Aufstiegsversprechen, das man ignorieren konnte, weil es ohnehin funktionierte. Wenn das Versprechen bricht, bleibt vom Schulterzucken nicht viel übrig.

Yakari hat dazu übrigens eine klare Meinung: Auf die Straße geht er nur, wenn der Futternapf leer ist – aber dann mit voller Überzeugung und lautstarkem Miauen.

Mein Take:
Diese Proteste sind kein randalierender Mob, sondern ein kollektiv gewordenes Unbehagen – die Antwort auf Jahre Politik, in der die Jungen oft nur als Schuldner der Zukunft vorkommen. Wenn heute friedlich demonstriert wird, ist das Demokratie in ihrer reinsten Form. Wenn Randale daraus gemacht wird, verlieren nicht die Gewalttäter das Gesicht, sondern die berechtigten Forderungen. Und die Politik? Die sollte nicht die Eskalationsszenarien zelebrieren, sondern die Bildungs- und Lebenshaltungsfrage endlich liefern.

Quellen: AFP (21./26.–30.10.2026), The Local Germany, IamExpat, Wikipedia (French student protests 2026).

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Ein Sonntag, der Brasiliens Demokratie auf die Probe gestellt hat


Manche Wahlnächte kann man mit einem Auge verfolgen. Und bei manchen hält ein Land den Atem an, wie bei Brasiliens Stichwahl zwischen Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva und Flávio Bolsonaro.


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Brasilien haarscharf am Kipppunkt – und dann dreht Lula die Stichwahl

Ein Sonntag, der Brasiliens Demokratie auf die Probe gestellt hat

Manche Wahlnächte kann man mit einem Auge verfolgen. Und bei manchen hält ein Land den Atem an. Brasiliens Stichwahl zwischen Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva und Flávio Bolsonaro war eindeutig die zweite Sorte – mit einem Ende, das mich persönlich erleichtert zurücklehnen lässt, aber nicht beruhigt.

Das Comeback, das es seit 1989 nicht mehr gab

Die Ausgangslage war düster: Bolsonaro, der 45-jährige Sohn des rechtsextremen Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro, hatte die erste Runde Anfang Oktober überraschend gewonnen – 47 Prozent gegen Lulas 45. Und in Brasilien gilt seit Jahrzehnten: Wer Runde eins gewinnt, gewinnt die Wahl. Auch die letzten Umfragen vor der Stichwahl sahen Bolsonaro vorn.

Dann kam der Wahlabend: Lula holte 51,8 Prozent, Bolsonaro kam auf 48,2 – rund 4,4 Millionen Stimmen Unterschied. Ein Kandidat, der die erste Runde verloren hat, dreht die Stichwahl seit der ersten direkten Wahl nach der Militärdiktatur 1989 nicht mehr geschafft. Lula, der kommende Woche 81 wird, hat es getan. Eine vierte Amtszeit, ein echtes Comeback, das keiner mehr für möglich hielt.

Warum das mehr ist als ein linker Wahlsieg

Bei allem Respekt für Lulas Aufholjagd – der eigentliche Grund, warum dieser Ausgang zählt, liegt woanders. Ein Sieg Bolsonaros hätte bedeutet: die Begnadigung seines Vaters, der wegen eines geplanten Staatsstreichs zu 27 Jahren Haft verurteilt ist und im Hausarrest sitzt. Ein verurteilter Putschist wäre frei gewesen – und sein Sohn hätte im größten Land Lateinamerikas regiert. Das ist kein normales Regierungsprogramm, das wäre ein Freibrief gewesen für alle, die Demokratie als lästiges Detail betrachten.

Hinzu kommt, was international auf dem Spiel stand: In Chile, Peru und Kolumbien haben sich zuletzt Trump-Verbündete durchgesetzt. Brasilien wäre der nächste und größte Baustein dieser rechten Momentum-Kette gewesen. Mit Lula bleibt Brasilien neben Mexiko die letzte große linke Bastion der Region – mit Abstand zu Washington, mit eigener BRICS-Position, mit Klimaschutz, der im Amazonas-Regenwald nicht zur Verhandlungssache wird.

Der Haken an der Freude

Jetzt kommt der Teil, den ich niemandem ersparen möchte: 48,2 Prozent für Bolsonaro sind kein linkes Mandat, sondern ein knapp entgangener Kipppunkt. Fast die Hälfte der brasilianischen Wähler hat bewusst einen Kandidaten gewählt, der sich als Erbe seines vorigen Vaters positioniert und eine Begnadigung desselben angekündigt hatte. Brasilien ist nicht links geworden – es ist nur haarscharf nicht rechts gekippt.

Und der Wahlabend hat es gezeigt: Bolsonaro will das Ergebnis anfechten, er spricht von einem „schmutzigen Trick". Der Grund? Die Wahllokalsöffnung war um zwei Stunden verlängert worden – wofür er sich selbst ausgesprochen hatte. Der Markt reagierte panisch: Der Aktienindex in São Paulo brach um fast 17 Prozent ein, die Börse musste den Handel unterbrechen, der Real gab zehnProzent gegenüber dem Dollar nach. Das ist kein normaler Nachmittag, das ist die Kombination aus einer überraschten Investorenszene und einer politischen Lage, die vorinstabil wirkt.

Die nächsten Monate dürften in Brasilien rau werden: eine Opposition, die das Ergebnis nicht anerkennt, einen Markt, der die „Lula ruiniert die Wirtschaft"-Erzählung füttern wird, und ein Präsident, der irgendwie die Hälfte des Landes überzeugen muss, die ihn nicht wollte. Lulas Wähler haben die Demokratie gesichert – nun muss er den Frieden stiften.

Yakari hätte gesagt: „Manchmal führt der Fluss einen an Stellen, die man lieber gemieden hätte." Brasilien ist gerade an so einer Stelle – aber es ist noch im Fluss.

#Brasilien #Lula #Bolsonaro #Wahlen #Demokratie #Lateinamerika #Politik #KaterYakari

Zivilcourage schlägt Machtmaschine: Serbien wählt den Neuanfang – wie Studenten einen Autokraten vom Sockel holten


Serbien zeigt Europa, dass Wandel möglich ist, ohne dass eine traditionelle Partei ihn orchestriert.

Zivilcourage schlägt Machtmaschine: Serbien wählt den Neuanfang – wie Studenten einen Autokraten vom Sockel geholt haben.

Kennt ihr das Gefühl, wenn ein Song aus eurer Jugend plötzlich wieder läuft und alle mitsingen? So ungefähr muss es sich am Sonntagabend in Belgrad angefühlt haben – nur dass da kein 80s-Reunion-Konzert war, sondern der lauteste Paukenschlag eines politischen Systems seit Jahrzehnten.

Am 25. Oktober hat Serbien ein neues Parlament gewählt – und damit das Ende einer Ära eingeleitet – die größte politische Zäsur seit dem Sturz von Milošević im Jahr 2000: Die Studentska Lista, die Liste der Studentenproteste, liegt laut Hochrechnungen von CeSID/Ipsos bei rund 52,1 % und damit bei ca. 138–140 der 250 Sitze. Absolute Mehrheit, ohne einen einzigen klassischen Koalitionspartner. Vučićs SNS kommt auf etwa 39,3 % (~104–108 Sitze), die Sozialisten rauschen mit ~2,3 % aus dem Parlament. Selbst Vučić hat die Niederlage am Wahlabend eingeräumt: "Es ist klar, dass wir diese Wahlen verloren haben."

Warum mich das packt

Ausgelöst hat das alles der Einsturz eines Bahnhofsvordachs in Novi Sad 2024 – 16 Tote, voller Verdacht auf Korruption. Daraus wurde eine zwei Jahre lange, bewusst führerlose Protestbewegung. Auf der Liste stehen keine Karrierepolitiker, sondern 250 Akademiker:innen, Ärzt:innen, Landwirt:innen und Künstler:innen, ausgewählt von Studierenden-Plenen. Das ist basisdemokratische Rendite in Reinform – und ein Riesenevent für alle, die glauben, "das System" sei nicht mehr wählbar.

Die Beteiligung: 64,89 % schon um 18 Uhr – höchster Wert seit über 30 Jahren. Menschen standen Schlange, im Ausland wurde teils mitten in der Nacht gewählt. Das ist Engagement, wie wir es uns hier auch wünschen.

Mein kritischer Blick

Aber ich bin ja IT-Kauffrau – ich truste erst, wenn die Zahlen stehen. Das amtliche Endergebnis des serbischen Wahlkomitees (RIK) wird erst Ende Oktober erwartet. Beobachter meldeten Dutzende Unregelmäßigkeiten (Fotografieren von Stimmzetteln, Stimmenkauf-Versuche) – diesmal offenbar zu Lasten der Opposition, die trotzdem gewonnen hat. Das macht das Ergebnis sogar belastbarer.

Was mich ehrlich kritisch stimmt: 250 Neulinge, ein dünnes Programm, ungeklärte Fragen zu Wirtschaft, Kosovo und EU-Kurs. Regieren ist kein Festival. Und Vučićs Rache-Abschied ("Revolution mit Unterstützung des US-Deep-State") zeigt: Er wird im Hintergrund weiter zünden. Der eigentliche Test beginnt erst, wenn die Konfetti-Besen fertig sind.

Brüssel und Moskau

EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen gratulierte prompt und bot Unterstützung für Rechtsstaats- und Antikorruptionsreformen an. Moskau gab sich gelassen: Der Kreml erklärte schon im September, man rechne mit Kontakten zu einer "neuen politischen Führung". Fakt ist: Putin verliert seinen wichtigsten Balkan-Fuß. Ob die Studentenliste Russland-Sanktionen verhängt (Vučić prophezeit: bis April), ist eine der spannendsten offenen Fragen.

Yakaris Take

Yakari hat beim Schreiben auf meiner Tastatur gesessen und nur mit halbem Auge auf die Welt geschaut. Ich glaube, das ist seine Katzenversion von "Primat der Außenpolitik" – komplett unabhängig. Respekt, Kerlchen.

Mein Take

Diese Wahl ist ein Beweis: Zivilcourage schlägt Machtmaschine – wenn Menschen sich nicht abschrecken lassen. Serbien zeigt Europa, dass Wandel möglich ist, ohne dass eine traditionelle Partei ihn orchestriert. Ich bleibe gespannt, ob aus dem Aufbruch eine stabile Demokratie wird – oder ob uns die Erfahrung erlebt, dass Revolutionen leichter sind als Verwaltungen.

*Bild: KI-generiert*

Quellen: AP (apnews.com/article/serbia-elec…), AFP, RFE/RL (rferl.org/a/vucic-concession-s…), Euronews (euronews.com/2026/10/26/politi…)

#Serbien #Studentenproteste #Demokratie #Wahlen2026 #Belgrad

🧵 Sachsen-Anhalt & Mecklenburg Vorpommern Wahl & die Strategie, die keiner so nennen will


🧵 Sachsen-Anhalt & Mecklenburg Vorpommern Wahl & die Strategie, die keiner so nennen will

Die AfD hat in SA gewählt (~44%), aber keine absolute Mehrheit (39 von 83 Sitzen). BSW kam mit 5,3% ins Parlament – und wird damit zum Königsmacher.

Das wahrscheinliche Szenario: AfD-Minderheitsregierung mit BSW-Tolerierung.

Was bedeutet das strategisch?

✅ Regierungsverantwortung ohne volle Last ✅ „Normalisierung" durch Amtsinnehaltung ✅ Keine Koalitionsverträge, die nach außen wirken ✅ Bei Problemen: BSW blockiert – nicht die AfD

Das ist genau das Modell, das ich mir Sorgen macht: Eine Partei, die als „gesichert rechtsextrem" gilt, kommt an die Macht – nicht durch offene Koalition, sondern durch Tolerierung von außen. Die Brandmauer wird umgangen, nicht gebrochen.

Und das Perfide daran:

- Falls es läuft: Vertrauen für nächste Wahlen aufgebaut
- Falls es kracht: „Die anderen haben uns blockiert"
- Programmatik bleibt im Hintergrund, kann später kommen


Wir beobachten gerade den ersten Testfall dieser Strategie. MV (20.9.- heute) und Berlin (eher unwahrscheinlich) zeigen ähnliche Muster. Wenn es hier klappt, ist die Blaupause für die nächste Runde fertig.

Die Frage ist nicht, ob es legal ist. Die Frage ist: Haben wir Institutionen, die so etwas erkennen – bevor es zu spät ist?

#SachsenAnhalt #MecklenburgVorpommern #Landtagswahl2026 #Politik #Demokratie

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