Nürnberg – ein Film, ein Buch und viele Gedanken


Manche Filme enden nicht mit dem Abspann. Sie beschäftigen einen noch lange danach.

So ging es uns mit „Nürnberg“. Wir hatten uns die Blu-ray gekauft und inzwischen angesehen – und der Film hat uns sehr bewegt und nachdenklich zurückgelassen.

Im Mittelpunkt stehen die Nürnberger Prozesse und insbesondere die Begegnungen des amerikanischen Psychiaters Douglas M. Kelley mit den inhaftierten führenden Nationalsozialisten. Kelley sollte untersuchen, mit welchen Persönlichkeiten er es zu tun hatte und ob die Angeklagten psychisch in der Lage waren, sich vor Gericht zu verantworten.

Der Film ist aus unserer Sicht sehr gut gemacht. Er versucht nicht nur, historische Ereignisse nachzuerzählen, sondern stellt eine viel unbequemere Frage in den Raum:

Was für Menschen waren diejenigen, die solche Verbrechen ermöglichten, planten und ausführten?

Waren es grundsätzlich vollkommen andere Menschen? Psychisch krank? Oder Menschen, deren Denken sich unter bestimmten gesellschaftlichen, politischen und persönlichen Bedingungen immer weiter verschoben hatte?

Gerade diese Frage macht den Film so beklemmend.

Im Film wird auch auf die Aufzeichnungen von Douglas M. Kelley Bezug genommen. Deshalb wollten wir nach dem Ansehen mehr darüber erfahren. Heute kam nun das Buch „22 Zellen in Nürnberg – Im Denken der Nazis“ bei uns an.

Es enthält die Aufzeichnungen jenes Psychiaters, der während der Nürnberger Prozesse unmittelbaren Zugang zu den Gefangenen hatte und mit ihnen sprach. Genau diese Erfahrungen und Beobachtungen dienten auch als Inspiration für den Film.

Nun liegt das Buch bei uns auf dem Tisch – und wir werden es lesen.

Ich vermute, dass es keine leichte Lektüre werden wird. Aber vielleicht eine wichtige.

Denn für mich ist das Thema keineswegs nur historische Rückschau.

Wenn man sich damit beschäftigt, wie Propaganda funktioniert, wie Menschen Feindbilder übernehmen, wie Sprache Grenzen verschiebt, wie demokratische Regeln Stück für Stück infrage gestellt werden und wie aus scheinbar kleinen Veränderungen irgendwann etwas sehr Großes entstehen kann, dann wirkt vieles erschreckend aktuell.

Geschichte wiederholt sich nicht einfach eins zu eins. Aber Geschichte kann zeigen, wohin Entwicklungen führen können, wenn eine Gesellschaft bestimmte Warnzeichen ignoriert.

Vielleicht ist gerade deshalb ein Film wie „Nürnberg“ sehenswert – und ein Buch wie „22 Zellen in Nürnberg“ lesenswert.

Nicht, weil man ständig in die Vergangenheit schauen sollte.

Sondern weil das Wissen über die Vergangenheit helfen kann, die Gegenwart wachsamer zu betrachten.

Wir sind jedenfalls gespannt auf das Buch. Und wahrscheinlich wird es anschließend noch einiges geben, worüber es sich zu schreiben und zu diskutieren lohnt.

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Als Antwort auf Doris

Ich hatte den Film im Casablanca Kino in Nürnberg mit unseren Schülern angesehen. Meine Erwartungen waren eher gering. Und das war gut so. Um über die Nürnberger Prozesse zu dokumentieren war er zu oberflächlich und zu kurz. Mir war das zu sehr auf Unterhaltung gedreht. Was ich persönlich sehr gut fand, war der Auftritt des Psychologen, alkoholisiert im Radio, mit einem bemerkenswerten Resümee. Der Film hat wenigstens dazu geführt, dass die Schüler*innen danach diskutiert haben.