Der Aufreger


Avaaz bittet derzeit mit einem ausführlichen Aufruf um Spenden, um einen politischen Erfolg der AfD in Sachsen-Anhalt zu verhindern.

Und während ich diesen Aufruf lese, geht mir immer wieder eine Frage durch den Kopf:

Warum muss dafür eigentlich gespendet werden?

Damit meine ich nicht, dass man Rechtsextremismus einfach hinnehmen sollte. Ganz im Gegenteil. Mich beschäftigt vielmehr, warum rechte Parteien überhaupt immer stärker werden – und warum wir so häufig über die Bekämpfung dieser Entwicklung sprechen, aber viel weniger über ihre Ursachen.

Viele Menschen haben zunehmend das Gefühl, wirtschaftlich und gesellschaftlich unter Druck zu geraten. Lebenshaltungskosten steigen, soziale Sicherheit wird unsicherer, und gleichzeitig entsteht bei einem Teil der Bevölkerung der Eindruck, dass Vermögen und wirtschaftliche Interessen wesentlich besser geschützt werden als diejenigen Menschen, die jeden Monat rechnen müssen, wie sie über die Runden kommen.

Ob jede einzelne Wahrnehmung dabei objektiv richtig ist, ist für die politische Entwicklung fast zweitrangig. Entscheidend ist: Menschen erleben ihre Situation so.

Und genau dort entsteht ein Nährboden für Parteien, die einfache Antworten auf komplizierte Probleme anbieten.

Die AfD muss diese gesellschaftliche Unzufriedenheit nicht erst erschaffen. Sie kann sie aufgreifen, verstärken und politisch für sich nutzen.

Das macht ihre politischen Positionen nicht richtiger. Und es entschuldigt auch keinen Rechtsextremismus.

Aber wenn wir verhindern wollen, dass immer mehr Menschen solchen Parteien ihre Stimme geben, reicht es meiner Meinung nach nicht, ihnen vor einer Wahl mit Plakaten, Videos und Kampagnen zu erklären, wen sie besser nicht wählen sollten.

Wir müssen uns auch fragen, warum sie überhaupt bereit sind, diese Partei zu wählen.

Ich selbst bin kein besonders politischer Mensch und schon gar nicht rechts. Wenn ich mich politisch überhaupt irgendwo wiederfinde, dann eher in einem europäischen und globalen Denken – beispielsweise bei Volt oder grundsätzlich bei echten europäischen Parteien.

Mich interessieren Server-Technik, gesunde Ernährung und Lebensführung, meine Katze Lilly und eine ganze Menge anderer Dinge wesentlich mehr als Parteipolitik.

Wenn ich aufgefordert werde, für eine Partei Stellung zu beziehen, lautet meine Antwort normalerweise:

Ich stehe ausschließlich auf meiner Seite.

Aber vielleicht ist genau deshalb bei mir irgendwann eine Grenze erreicht, an der auch ich mich äußern möchte.

Als Kind habe ich meine beiden Opas immer wieder gefragt, warum so viele Menschen den rechten Wahnsinn ab 1933 mitgemacht haben.

Heute erlebe ich, wie sich eine Gesellschaft verändert, wie politische Lager immer unversöhnlicher werden und wie Ängste, wirtschaftliche Unsicherheit und Unzufriedenheit Menschen für radikale Antworten empfänglicher machen können.

Und was soll ich sagen:

So genau wollte ich es doch nicht wissen.

Doch zurück zum Spendenaufruf von Avaaz.

Leute, was soll das?

Natürlich kann man Geld sammeln, um demokratische Initiativen zu unterstützen. Natürlich kann man Menschen über rechtsextreme Positionen informieren. Und selbstverständlich muss eine Demokratie ihren Gegnern widersprechen.

Aber wir sollten uns nichts vormachen:

Wenn die gesellschaftlichen Ursachen bestehen bleiben, können wir noch so viele Kampagnen finanzieren.

Wenn Menschen den Eindruck gewinnen, dass ihre Lebensleistung immer weniger wert ist, dass sie wirtschaftlich zurückfallen und dass Politik ihre alltäglichen Sorgen nicht mehr wahrnimmt, dann verschwindet ihre Unzufriedenheit nicht dadurch, dass ihnen jemand erklärt, welche Partei sie nicht wählen sollen.

Vielleicht sollten wir deshalb einen erheblichen Teil unserer Energie nicht darauf verwenden, gegen die Wähler einer bestimmten Partei zu kämpfen, sondern dafür sorgen, dass möglichst wenige Menschen überhaupt einen Grund sehen, ihre Hoffnung in radikale Parteien zu setzen.

Das bedeutet nicht, deren Entscheidung gutzuheißen.

Es bedeutet, sie verstehen zu wollen.

Denn erklären ist nicht rechtfertigen.

Wer ausschließlich das politische Ergebnis bekämpft, ohne nach seinen Ursachen zu fragen, wird möglicherweise bei der nächsten Wahl wieder vor demselben Problem stehen.

Und bei der übernächsten wieder.

Demokratie verteidigt man deshalb meiner Meinung nach nicht nur mit Kampagnen gegen ihre Gegner.

Man verteidigt sie vor allem dadurch, dass möglichst viele Menschen wieder das Gefühl bekommen, dass diese Demokratie auch für sie funktioniert.

Dafür würde ich spenden.

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