Katzen in der Geschichte der Fotografie


Katzen in der Geschichte der Fotografie

Eine Katze lange genug stillhalten zu lassen, damit sie sich fotografieren lässt, ist schon heute nicht einfach. Vor knapp 200 Jahren war es fast unmöglich. Ein Blick darauf, wie sich die Fotografie und die Katze über die Jahrzehnte aneinander gewöhnt haben.

Als Katzen nicht stillhielten
Die ersten Fotografien, die Daguerreotypien, wurden 1839 vorgestellt. Die Platten waren so lichtunempfindlich, dass man mehrere Minuten belichten musste, später durch chemische Verbesserungen immerhin noch viele Sekunden. Menschen wurden dafür mit Kopfstützen fixiert, und trotzdem verwackelten viele Bilder. Bei Tieren war es noch schwieriger. Ein Hund auf einer Daguerreotypie von etwa 1846 hat sich bewegt, das Bild ist verzerrt. Ein anderer Hund, fotografiert um 1847, hielt dagegen etwa vier Minuten lang still. Das Foto zeigt „Miss Mary Mitford's dog".

Als wahrscheinlich ältestes erhaltenes Foto einer lebenden Katze gilt eine Daguerreotypie von etwa 1845, die eine Katze beim Trinken aus einer Schale zeigt. Ganz sicher lässt sich das nicht sagen. Um 1854 machte der Pfarrer Calvert Richard Jones eine Kalotypie einer Katze, und um 1860 entstand eine Daguerreotypie von William Henry Mason Jr. Frühe Katzenbilder gab es also, aber sie waren selten und entstanden mit viel Geduld.

Eines der frühesten Katzenbilder in einer Ausstellung des National Science and Media Museum in Bradford ist übrigens gar kein Foto einer lebendigen Katze. „Head of Cat" von J. M. Burbank aus den 1830er Jahren ist die fotografische Kopie einer Katzenstudie, die aussieht wie eine weiche Bleistiftzeichnung. Der Grund liegt nahe: Eine gemalte Katze bewegt sich nicht.

Katzen mit Dreirad und Rollschuhen
Ab 1851 und vor allem ab etwa 1871 wurden die Belichtungszeiten kürzer, und Tiere ließen sich leichter fotografieren. Den Katzen half das allerdings erst einmal wenig, denn jetzt wurden sie zu Schauspielern gemacht.

Harry Pointer aus Brighton (1822 bis 1889) hatte zuerst ganz einfache Katzenbilder gemacht, schlafend, trinkend oder im Korb. Dann stellte er seine Katzen in menschliche Szenen: auf einem Dreirad, auf Rollschuhen, bei einer Teegesellschaft („Five o'clock Tea"), in einem Kinderwagen und sogar hinter einer Kamera, die eine andere Katze fotografiert. Auf „The Old Batchelor" sitzt ein Kater auf einem Weinfass neben Glas und Flasche. Er verkaufte die Bilder als Visitenkartenfotos in Buchhandlungen und Schreibwarengeschäften, mit Grüßen wie „A Happy New Year" oder „The Compliments of the Season". Bis 1872 hatte er über hundert dieser „Brighton Cats", 1884 waren es etwa zweihundert. Die Katzenzeichnung auf seinem Händlerstempel stammt vermutlich von seiner Frau, der Künstlerin Rosa Myra Drummond.

Pointer hatte etwas Entscheidendes erkannt: Ein Katzenbild wird erst richtig gut, wenn ein Text dazu kommt. Das ist genau das Prinzip der Lolcats, und deshalb gilt er als einer ihrer Vorläufer.

Harry Whittier Frees (1879 bis 1953) trieb das später auf die Spitze. Er steckte Katzen und andere Tiere in Kostüme und setzte sie in menschliche Szenen. Die Tiere wurden mit steifen Kostümen, Nadeln und Gabeln in Position gehalten und mit einer Fünftelsekunde belichtet. Frees selbst sagte, Kätzchen seien die vielseitigsten Tierdarsteller. Er arbeitete nur drei Monate im Jahr, weil die Aufnahmen für ihn selbst anstrengend waren. Heute sehen wir diese Bilder eher kritisch.

Warum Katzen so schwer zu fotografieren sind
Das liegt nicht nur an ihrer Unruhe. Hinter der Netzhaut der Katzenaugen sitzt das Tapetum lucidum, eine reflektierende Schicht, die das Restlicht verstärkt und der Katze ihre gute Nachtsicht schenkt. Fällt ein Blitz direkt ins Auge, wird er zurückgeworfen, und auf dem Foto leuchten die Augen grün, gelb oder blau. Fotografen helfen sich damit, den Blitz nicht direkt an der Kamera zu zünden, sondern seitlich.

Ein zweites Problem sind schwarze Katzen. Die Belichtungsmessung der Kamera ist auf ein mittleres Grau eingestellt, und schwarzes Fell schluckt viel Licht. Die Kamera hellt dann das Bild auf, und das Fell verliert seine Zeichnung. Moderne Digitalkameras kommen damit viel besser zurecht, aber ein bisschen Erfahrung braucht es trotzdem noch.

Die schwarze Katze als Marke
Ab 1904 verkaufte die britische Firma Carreras ihre Zigaretten unter dem Namen Black Cat. Der Legende nach geht das auf eine echte schwarze Katze zurück, die im Schaufenster des Ladens in der Wardour Street schlief. Der Laden wurde wegen ihr als „black cat shop" bekannt, und schon 1886 ließ die Firma die Katze als Marke eintragen. Auf der Packung sitzt sie in einem weißen Kreis mit schwarzem Rand. Am 18. Oktober 1913 gab es sogar einen „Black Cat Day": Wer eine Packung vorzeigen konnte, bekam einen goldenen Halbsovereign.

Katzen im Streit ums Frauenwahlrecht
Zwischen etwa 1898 und 1917 tauchten Katzen auch in Postkarten rund ums Frauenwahlrecht auf, und zwar auf beiden Seiten. In einer Sammlung von rund 200 Karten zeigt ein erheblicher Teil Katzen. Gegner zeichneten Suffragetten als verwilderte Katzen, die „unweiblich" waren, oder spotteten über Männer, die zu Hause die Kinder hüten, während die Frauen politisch aktiv sind. Auf einer Karte schläft ein Hund seelenruhig weiter, während Kätzchen versuchen, in sein Haus einzudringen, so sollte die Bewegung harmlos und wirkungslos wirken.

Befürworter nutzten Katzen dagegen selbst. Auf einer Karte fordert ein Kätzchen in den Farben der Bewegung „I Want My Vote!", durch das Miauen klingt die Forderung weniger bedrohlich. Auf einer anderen schrieb eine Absenderin, sie habe „die Krallen ausgefahren".

Die Katze als Kunstwerk
Edward Weston, einer der bekanntesten Fotografen der USA, hatte auf seinem Grundstück Wildcat Hill in Kalifornien eine Katzenkolonie mit meist zwölf bis über zwanzig Tieren. Daraus entstand 1947 das Buch „The Cats of Wildcat Hill". Charis Wilson schrieb auf rund neunzig Seiten über die Entwicklung der Kolonie, ihr Sozialverhalten und die Hausregeln für die Tiere. Sogar die selbstgebauten Kistenunterkünfte, die „Franklloydwright Addition", kommen darin vor. Weston steuerte etwa zwanzig Fotos bei. Eine Rezension aus dem Jahr 1948 lobte vor allem die Schärfe und Klarheit der Bilder. Ein anderer Kritiker fand das Thema dagegen langweilig für Leute, die sich nicht für fremde Katzen interessieren.

Der Mann mit den 90.000 Katzenfotos
Walter Chandoha (1920 bis 2019) bekam schon als Kind eine Kodak-Kamera der Familie in die Hand und lernte die Dunkelkammer in einem Fotoclub. Im Zweiten Weltkrieg arbeitete er erst als Pressefotograf, dann als Kampffotograf im Pazifik. 1949 schloss er sein Studium in New York ab und heiratete Maria Ratti. Im selben Jahr fand er einen Kater namens Loco im Schnee und machte sich als Freiberufler selbstständig.

Seine Katzenbilder erschienen auf mehr als 300 Magazintiteln und in tausenden Werbeanzeigen, dazu schrieb er mindestens 34 Bücher. In seinem Archiv liegen über 225.000 Fotos, rund 90.000 davon zeigen Katzen. Mit Maria zog er auf einer Farm in New Jersey sechs Kinder groß, und die Kinder fotografierte er oft zusammen mit den Katzen. Für viele Menschen der Nachkriegszeit sahen Katzen so aus, wie Chandoha sie fotografierte.

Die Katze erobert das Netz
Am 11. Januar 2007 erschien das erste Bild auf der Seite „I Can Has Cheezburger?". Die Fotos waren oft unscharf und mit direktem Blitz aufgenommen, dazu kam ein Text in dicker Schrift mit absichtlich falscher Grammatik. Schon ein paar Jahre zuvor, 2005, hatte jemand die Internetadresse caturday.com registriert.

Ethan Zuckerman beschrieb 2008 seine „Cute Cat Theory": Weil die meisten Menschen im Internet vor allem Alltägliches wie Katzenbilder suchen, wäre es für Regierungen politisch teuer, solche beliebten Seiten zu sperren. Davon profitieren auch Aktivisten, die auf beliebten Seiten mitlesen. Ein sicherer Schutz ist das allerdings nicht, denn manche Staaten bieten eigene, zensierte Seiten mit Katzeninhalten an und sperren die westlichen.

Und die Katze?
Fast 200 Jahre lang haben Fotografen versucht, die Katze in den Griff zu bekommen. Erst haben sie sie kostümiert, dann bewundert, dann verkauft, und heute läuft die ganze Welt ihr mit dem Smartphone hinterher. Die Katze selbst hat sich dabei kaum verändert. Sie bleibt unabhängig und lässt sich nicht so gern etwas sagen, schon gar nicht von einer Kamera.


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