Katzen im Vatikan: Eine schnurrende Geschichte des Papsttums
Katzen im Vatikan: Eine schnurrende Geschichte des Papsttums
Schwarze Katzen als Teufelssymbol, aber auch Päpste, die ihre Kater in der Soutane trugen, die Geschichte der Katzen im Vatikan ist deutlich vielschichtiger, als man zunächst denkt.
Frühe Spuren: Vermutung statt Beweis
Katzen gelangten über die Römer nach Europa und wurden vor allem wegen ihrer Fähigkeiten zur Schädlingsbekämpfung geschätzt. Da Rom das Zentrum des Römischen Reiches war, ist es naheliegend, dass Katzen auch auf dem späteren Vatikanhügel präsent waren, belegt ist das für die früheste Zeit allerdings nicht.
Ein Hinweis auf frühes Interesse an Katzen findet sich immerhin im Vatikanischen Museum selbst: Dort steht eine ägyptische Katzenmumienurne, die 1847 erworben wurde, ein Beleg für die Faszination, nicht für eine eigene frühe Katzenhaltung.
Auch zur Schädlingsbekämpfung im frühen Vatikan gibt es kaum direkte Aufzeichnungen. Bekannt ist, dass im Mittelalter Wölfe Gräber auf dem vatikanischen Friedhof ausgruben und Kühe in die Basilika wanderten, was auf durchaus reale Probleme mit Tieren hindeutet. Ähnlich wie in mittelalterlichen Klöstern, wo Katzen wertvolle Manuskripte vor Nagetieren schützten, ist eine vergleichbare Rolle im frühen Vatikan plausibel, auch wenn sie nicht ausdrücklich dokumentiert ist.
Katzen in der vatikanischen Kunstsammlung
Dass Katzen den Vatikan auf dem Umweg über die Kunst erreichten, lässt sich dagegen gut belegen. In den Vatikanischen Museen, im sogenannten Maskenkabinett, hängt ein besonders charmantes römisches Mosaik, das eine Katze beim Versuch zeigt, einen Vogel zu fangen, umgeben von Oliven, Aprikosen und einem Entenpaar. Es stammt ursprünglich aus der Villa Hadrians in Tivoli und damit aus dem 2. Jahrhundert nach Christus.
Unter Papst Pius VI. wurde Ende des 18. Jahrhunderts außerdem die sogenannte Sala degli Animali eingerichtet, ein eigener Saal voller antiker Tierskulpturen, der bis heute zu den Vatikanischen Museen gehört und das anhaltende päpstliche Interesse an Tierdarstellungen unterstreicht.
Vox in Rama: ein oft missverstandenes Dokument
Die bekannteste Erwähnung von Katzen in vatikanischen Dokumenten ist die päpstliche Bulle "Vox in Rama" von Papst Gregor IX. aus dem Jahr 1233. Sie verurteilte eine ketzerische Sekte in Deutschland, die angeblich eine Statue einer schwarzen Katze verehrte.
Wichtig zur Richtigstellung eines weitverbreiteten Missverständnisses: Die Bulle verurteilte nicht Katzen im Allgemeinen und rief auch nicht zu deren Tötung auf, sie richtete sich ausschließlich gegen diese eine Sekte. Trotzdem verstärkte sich im Lauf der Zeit, besonders während der Hexenverfolgungen, eine Assoziation von schwarzen Katzen mit Satan und Hexerei, eine Zuschreibung, die weit über den eigentlichen Inhalt der Bulle hinausging.
Päpste, die Katzen wirklich liebten
Trotz dieser negativen Symbolik zeigten mehrere Päpste eine ganz persönliche Zuneigung zu Katzen, gut dokumentiert in der anerkannten "Papacy: An Encyclopedia" von Philippe Levillain. Papst Paul II. ließ im 15. Jahrhundert seine Katzen von seinem eigenen Leibarzt behandeln.
Besonders hübsch ist die Geschichte von Papst Leo XII. in den 1820er-Jahren: Sein rotgrauer Kater Micetto, im Vatikan geboren, begleitete ihn überallhin und kuschelte sich sogar während offizieller Audienzen an ihn, eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen sich beim als streng geltenden Leo XII. echte Zärtlichkeit zeigte. Gegen Ende seines Lebens vermachte der Papst seinen Kater dem französischen Schriftsteller François-René de Chateaubriand, der sich fortan um ihn kümmerte.
Die mit Abstand bekannteste Katzenliebe unter den Päpsten ist aber die von Benedikt XVI. Schon als Kardinal fütterte Joseph Ratzinger regelmäßig streunende Katzen, über ihn erschien sogar ein Kinderbuch aus der Perspektive seines Nachbarskaters Chico ("Joseph und Chico"). Als Papst war seine Zuneigung so bekannt, dass ihm 2008 bei einem Besuch in Australien zum Weltjugendtag ein graues Kätzchen namens Bella geschenkt wurde, um ihm das Heimweh zu nehmen.
Noch bekannter wurde ein Vorfall 2010 bei einem Besuch in einem Oratorium in Birmingham: Eine dort lebende Katze maunzte so laut, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen, dass sie ihn mitten im offiziellen Programm kurzzeitig komplett ablenkte, ein Foto, wie Benedikt ihr lächelnd die Pfote schüttelt, ging um die Welt. Nach seinem Rücktritt verbrachte er zudem viel Zeit mit zwei Katzen in den Vatikanischen Gärten, Contessina und Zorro.
Katzen im Vatikan heute
Auch im modernen Vatikanstaat gibt es, offiziell ungeregelt, aber geduldet, eine kleine Katzenpopulation. Priester und Ordensschwestern sollen gelegentlich Streuner füttern und ihnen Unterschlupf bieten.
Besonders öffentlichkeitswirksam wurde ein Vorfall im Februar 2022: Eine Katze hatte sich auf Berninis berühmter Kolonnade rund um den Petersplatz verirrt, hoch über den rund 16 Meter hohen Säulen. Die vatikanische Feuerwehr versuchte fast zwei Stunden lang, mit Kränen und sogar einem Karton, das Tier einzufangen, vor den Augen einer wachsenden Menschenmenge. Am Ende sprang die Katze schließlich selbst hinunter und landete unverletzt, zur Erleichterung aller Schaulustigen.
Zwischen Teufelssymbol und heimlicher Schutzpatronin
Die Symbolik der Katze im kirchlichen Kontext bleibt bis heute zwiespältig. Neben der negativen Assoziation mit Hexerei gibt es auch gegenteilige Traditionen, etwa die volkstümliche Erzählung einer Katze, die im Stall von Bethlehem mitgebar, oder Katzendarstellungen in manchen Verkündigungsszenen.
Die moderne katholische Sichtweise betont heute vor allem die verantwortungsvolle Fürsorge für alle Geschöpfe und nimmt eine neutrale Haltung gegenüber Tieren ein. Auch die heilige Gertrud von Nivelles wird von vielen Katzenliebhabern als inoffizielle Schutzpatronin der Katzen verehrt, eine offizielle kirchliche Anerkennung dieser Rolle gibt es allerdings bis heute nicht.
Von der missverstandenen Bulle über das Katzen-Mosaik aus Hadrians Villa und den Soutane tragenden Kater Micetto bis zur Feuerwehraktion am Petersplatz, die Geschichte der Katzen im Vatikan zeigt vor allem eins: Selbst hinter den dicken Mauern des Heiligen Stuhls konnte sich die stille, eigensinnige Präsenz der Katze auf Dauer nicht aufhalten lassen.
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